Member AUM
$70 trillion

Fleischproduzenten müssen sich neu erfinden

shutterstock_1232105329-scaled-e1588782454968.jpg
6 May 2020

17.04.2020, Unternehmen (Wirtschaft), Seite 19

Investoren-Analyse: Klimawandel und Verbrauchertrend bedrohen die Industrie

ash. FRANKFURT. Die Auswirkungen des Klimawandels und das rasche Wachstum proteinhaltiger Ersatzprodukte bedrohen das Geschäftsmodell der größten Fleischproduzenten der Welt. Zu den Risiken zählen die steigenden Kosten für Elektrizität aufgrund der Kohlenstoffpreise, höhere Futtermittelaufwendungen, welche auf schlechtere Ernteerträge zurückzuführen sein werden, und eine erhöhte Sterblichkeit der Tiere wegen des Hitzestresses. Das hat eine Untersuchung der auf nachhaltige Investitionen spezialisierten Investorenvereinigung FAIRR ergeben, welche der F.A.Z. vorliegt. Danach könnten Alternativprodukte wie pflanzliche Burger in den nächsten 30 Jahren einen Anteil von 16 Prozent am Fleischmarkt erobern. Das Potential liegt laut Modellrechnung unter Einbeziehung der Faktoren des Verbrauchertrends und einer möglichen Fleisch-Kohlenstoffsteuer bei 62 Prozent.

Grundlage für die Studie war das Szenario des Weltklimarates, wonach es bis zum Jahr 2050 zu einer Klimaerwärmung um durchschnittlich 2 Grad kommen wird. In der Analyse sind die fünf bedeutendsten Fleischkonzerne der Welt speziell betrachtet worden – die Unternehmen BRF, JBS, Minerva, alle aus Brasilien, sowie Tyson Foods (Vereinigte Staaten) und Maple Leaf (Kanada). Sie sind die wichtigsten Lieferanten der Supermarktketten und von Fast-Food-Anbietern wie McDonald’s und Burger King. Die Kosten für den Betrieb von Geflügelställen, für die Beschaffung von Futtermitteln zur Viehzucht und die tierärztliche Versorgung würden mit den Temperaturen auf der Welt steigen, sagte FAIRR-Gründer Jeremy Coller. “Investoren in der Fleischindustrie kommen an der Wahrheit nicht vorbei, dass sich die Branche an den Klimawandel anpassen muss oder in den kommenden Jahren vor dem Ruin steht. Es ist keine gute Strategie der Produzenten, den Kopf in den Sand zu stecken.”

In einer Bewertung der 43 größten börsennotierten Fleischunternehmen hätten nur Tyson Foods und Marfrig (Brasilien) eine klimabezogene Risikoanalyse öffentlich gemacht, obwohl dies in anderen Branchen längst geschehen sei. FAIRR spricht von einem “Versagen” der Fleischindustrie. Diese soll für 14 Prozent der Treibhausgasemissionen auf der Welt verantwortlich sein.

Das Berechnungsmodell führte zum Ergebnis, dass zum Beispiel das kanadische Unternehmen Maple Leaf, wenn es weiterhin einen klimafreundlicheren Pfad beschreite, bis zum Jahr 2050 ein Gewinnwachstum (Ebitda) von 77 Prozent erreichen könnte. Der Grund dafür sei laut FAIRR-Analyse, dass Maple Leaf im Gegensatz zu seinen Konkurrenten erhebliche Investitionen in alternative Proteine getätigt habe und keine Abhängigkeit vom Rindfleisch bestehe. Der Konzern sei derzeit der einzige Fleischproduzent, der den Umsatz mit Ersatzprodukten offenlege und zuletzt damit einen Anteil von 4,3 Prozent des Gesamtumsatzes erreicht habe.

Auf der anderen Seite könnte die brasilianischen Rindfleischgiganten BRF und JBS ein Gewinnrückgang (Ebitda) von 30 beziehungsweise 45 Prozent erwarten, wenn es ihnen nicht gelinge, ihren Marktanteil auf dem Gebiet von Fleischersatzprodukten zu erhöhen und die Abhängigkeit von Rindfleisch sowie Geflügel zu reduzieren. FAIRR rät den Konzernen und Investoren in der Fleischindustrie zur Absicherung des eigenen Geschäfts, dass der Futtermittel- und Viehzuchtmix zu klimafreundlicheren Kulturen und Arten verschoben werden müsse. Im Zentrum der Strategie steht damit vor allem die Hinwendung zu Ersatzprodukten auf Pflanzenbasis.

Autor: Ashelm, Michael (ash.)

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.